Selbstoptimierung ist Gift!
Zehn Millionen verkaufte Exemplare. Ein Satz auf einer Karte. Und ein Hirn, das daraus sofort baut: Ich bin noch nicht okay.
In dieser Episode von Pirate Talks nimmt Flo einen Satz aus dem Bestseller "Das Café am Ende der Welt" auseinander und zeigt, warum gut gemeinte Wachstumsimpulse für neurodivergente Menschen das Gegenteil bewirken können.
Der Satz, der alles auslöst
"Möglicherweise bin ich noch nicht der Mensch, der ich gerne sein möchte. Aber dieser Mensch werde ich nie sein, wenn ich jetzt aufgebe."
Für viele Menschen klingt das motivierend. Für ein neurodivergentes Gehirn, das täglich durch Masking navigiert, baut dieser Satz etwas anderes: Ich bin unfertig. Es gibt eine bessere Version. Und ich bin schuld, wenn ich sie nicht erreiche.
Die Selbstoptimierungsfalle
Das Narrativ der besseren Version lädt direkt in eine Falle ein. Erst die Ernährung, dann der Fokus, dann die Produktivität. Und wer zwischendurch einen Snickers isst oder eine Rechnung nicht abschliesst, weil sieben andere Ideen wichtiger waren, gilt als gescheitert.
Flo beschreibt das aus eigener Erfahrung: 30 Jahre als Unternehmer, und Rechnungen schreiben war noch nie geil. Das wird sich nicht ändern. Und das ist in Ordnung.
Was die innere Stimme daraus macht
Die innere Stimme formt sich nicht im Vakuum. Sie entsteht durch Botschaften, die laut und wiederholt ankommen. Wenn die Norm täglich sagt, wie ein guter Mensch funktioniert, übernimmt das Gehirn diese Bewertung irgendwann als eigene.
Für neurodivergente Menschen, die ohnehin täglich merken, dass sie nicht passen, kommt das Selbstoptimierungsnarrativ als zusätzliche Last obendrauf. Kein Antrieb, sondern Erschöpfung.
Selbstfreundschaft als Alternative
Flo schlägt einen anderen Satz vor. Einen, der aus Selbstfreundschaft kommt und aus dem Kontakt mit der eigenen inneren Stimme.
Ich bin okay. Hier und jetzt. Und ich wachse am Bewusstsein über mich und mein Umfeld. Jeden Tag. Weil ich neugierig auf mich selbst bleibe.
Dieser Satz stellt nichts in Abrede. Er leugnet Wachstum nicht. Er verlagert den Ausgangspunkt: Wachstum entsteht aus Neugier, aus dem Jetzt heraus.
Wachstum aus Neugier
Es gibt einen Unterschied zwischen Veränderung aus Mangel und Veränderung aus Interesse. Das eine kommt aus dem Gefühl, noch nicht genug zu sein. Das andere kommt aus der Freude daran, sich selbst besser kennenzulernen.
Flo beschreibt das als den einzigen Weg, der für ihn funktioniert. Nicht Selbstoptimierung zur Norm hin, sondern Erkundung dessen, was in einem steckt und was man damit in die Welt bringen möchte.
Fazit
Wachstumsimpulse sind wertvoll. Und sie verdienen es, ?hinterfragt zu werden, besonders wenn sie Millionen von Menschen erreichen und dabei zwei Millionen neurodivergente Leserinnen und Leser in ein Narrativ einladen, das ihnen schadet.
Die Frage lautet deshalb: Aus welchem Ort heraus wächst du? Aus dem Gefühl des Mangels oder aus der Neugier auf das, was bereits da ist?