Achtung, Labels!
Labels stehen unter Verdacht. Sie sollen vereinfachen, schubladisieren und einschränken. Dabei übersieht diese Kritik, wofür Labels wirklich da sind: Zugehörigkeit erfahrbar machen für alle, die von der lauten Norm abweichen.
In dieser Episode von Pirate Talks erklärt Flo, warum er Labels liebt, wie sie ihm selbst geholfen haben und warum Selbstverantwortung dabei vollständig erhalten bleibt.
Der Stamm, den wir alle suchen
Unser Gehirn ist rund 50.000 Jahre alt. Damals bedeutete Ausschluss aus dem Stamm den Tod. Heute ist dieser Mechanismus noch genauso aktiv, nur spielt er sich in Büros, Schulsystemen und sozialen Netzwerken ab.
Neurotypische Menschen müssen sich nie fragen, wohin sie gehören. Die Norm ist für sie unsichtbar, weil sie sie selbst sind. Wer abweicht, wer schneller denkt, mehr wahrnimmt, anders fühlt oder sich in klassische Rollen fügt, der sucht. Und Labels helfen bei dieser Suche.
Das Gefühl des Heimkommens
Flo beschreibt einen Moment, den viele seiner Klientinnen und Klienten kennen: den ersten Kontakt mit einem Begriff, der plötzlich alles erklärt. Bei ihm war es das Label der hochsensiblen Person, entdeckt während einer depressiven Episode 2022.
Dieses Gefühl des Heimkommens lässt sich weder erzwingen noch simulieren. Es entsteht, wenn Sprache das benennt, was man schon immer gespürt hat, ohne Worte dafür gehabt zu haben. Darin liegt die eigentliche Kraft von Labels: im Wiedererkennen.
Die Norm ist auch ein Label
Ein häufiges Argument lautet: Labels schaffen neue Schubladen. Dabei ist die Norm selbst ein Label, eines das nur nie hinterfragt wird.
Neurotypisch sein bedeutet, in einer Welt zu leben, die für einen gebaut wurde. Neurodivergent zu sein bedeutet, täglich gegen Strukturen anzulaufen, die einen übergangen haben. Labels machen diesen Unterschied sichtbar, und das ist ein erster Schritt zur Veränderung.
Selbstverantwortung bleibt
Ein Label ersetzt weder Reflexion noch Eigenverantwortung. Flo betont: Wer ein Label übernimmt, trägt weiterhin die Verantwortung dafür, wie er damit umgeht.
Labels können dogmatisch werden oder zur starren Identität erstarren. Das ist ein Argument für einen bewussten Umgang mit ihnen. Nehmen, was hilft. Loslassen, was einengt.
Labels als temporäre Begleiter
Labels müssen dauerhaft gelten. Sie können sich verändern, verblassen oder irgendwann überflüssig werden, zum Beispiel wenn Heilung stattgefunden hat oder ein neues Verständnis entstanden ist.
Ein Label ist ein Werkzeug. Es darf mitgenommen, angepasst und auch wieder abgelegt werden. Die relevante Frage lautet: Was brauche ich gerade, um mich besser zu verstehen und zu navigieren?
Fazit
Labels machen Komplexität kommunizierbar. Für Menschen, die lange gegen eine Norm gearbeitet haben, die ihre eigene war, kann ein Label das erste Aufatmen sein.
Die eigentliche Frage ist deshalb, wie bewusst und flexibel wir mit Labels umgehen und ob wir anderen den Raum lassen, ihren eigenen Stamm zu finden.